Wie konnte es passieren, dass Menschen anfingen, Hunde züchterisch zu verformen?

 

Uns fiel kürzlich ein interessantes Dokument in die Hände, welches die Rasse-Kennzeichen der Französischen Bulldogge vor 1932 beschreibt. Wir haben dies gescannt und werden das zur Ansicht hier hochladen. Vorab einige Auszüge als Detailbeschreibung, die ungesünder nicht sein können.

Erstaunlicherweise sind die hier gezeigten Franzosen doch fast sportliche Typen, nur mit sehr kurzen Köpfen, so dass man darauf schließen kann, dass die übertriebene Zucht der aufgezeigten Merkmale Richtung starker Übertypisierung des gesamten Körpers erst später in Mode kam und manifestiert wurde.

Man schreibt von Proportion und Symetrie. Keiner der Punkte soll so stark markiert sein....., dass der Hund in schlechtem Verhältnis, d.h. außer Proportion erscheint.

Der Kopf soll massiv, eckig und breit erscheinen......die Schnauze gut zurückgelegt...

Der Nasenrücken soll äußerst kurz sein....mit gut geöffneten Nasenlöchern...

Der Nacken soll kräftig, kurz und gewölbt sein....

Der Rumpf soll kurz sein...Der Rücken, an den Schultern breit, soll sich gegen die Lenden verjüngen....so dass der Rumpf birnenförmig erscheint....und bildet auf diese Weise den gewünschten Karpfen-Rücken.

Die Hinterläufe....sollen etwas länger sein als die Vorderläufe.

Die beste Rute ist die, die nicht hochgetragen werden kann.

Man liest in diesen Vorgaben den Beginn der Deformationen heraus. Rute darf auf keinen Fall hochgetragen werden, also züchten wir sie gleich weg. Die höheren Hinterläufe verlagern das Gewicht nach vorne auf den kurzen Nacken, der dies nur schwer ausbalancieren und abfedern kann. Ein kurzer Nacken, kurzer Rump mit kurzer Rute war vermutlich für die schweren Deformationen der Wirbelkörper mit denen wir heute noch zu kämpfen haben gerade förderlich.

Katastrophal ist ein gewollt kurz gezüchteter birnenförmiger Rumpf, der nur in zu engen Becken und Fortpflanzungsproblemen mit Schwergeburten enden kann. 

Diese Vorgaben mögen vielleicht einen Rassestandard gerechtfertigt haben, mögen vielleicht Geschmack von Menschen gewesen sein, die dies bestimmen durften, mögen vielleicht auf Tradition begründet gewesen sein. Wir sagen eindeutig Nein dazu, halten dies für einen kynologischen Irrtum, der aber ja nicht irreversibel ist, wie wir es im nachfolgenen Artikel beschreiben.

Wir weichen diese alten Vorgaben im Sinne des Tierschutzes auf, arbeiten unabhängig von der FCI und werden den Bully ein wenig athletischer, beweglicher und leistungsfähiger züchten. 

 

Rassekennzeichen 1932

Nähere Hinweise über unsere Zuchtstrategien, Rassestandard und Anerkennung einer Reinrassigkeit lesen sie bitte in der Rubrik  Z Ü C H T  E R.

 

 

Gedanken und Fakten über Qual- oder Wahlzucht

Aufklärung und Bully-Bashing

 

Wir begrüßen die Aufklärung über die Qualzuchtmerkmale der Hunderassen in den Medien.

Vielleicht kommt es einmal zu Diskussionen bzgl. eines Zuchtverbots bestimmter Rassen, weil all die großen Clubs aus ihrem Dornröschenschlaf nicht erwachen und sich bewegungslos an ihren alten Statuten festklammern und gleichzeitig die Nachfrage nach schnell gekauften Billighunden nicht abreißt.

Wir haben vor Jahren als Rasseliebhaber der Französischen Bulldoggen bereits unsere Maßnahmen ergriffen und möchten zeigen, dass es anders geht und man hier zum Wohle der Hunde reagieren kann und muss!

Wir sind der gemeinnützige Verein Gesunde Bulldogge e.V. und engagieren uns seit 2010 mit der Aufklärungsseite www.gesunde-bulldogge.de und versuchen über die Fehlzucht der brachyzephalen Rassen aufzuklären. Wir fordern eine moderate Rückzucht, die wir seit 2014 nach langer Zuchtpause nun wieder in die eigene Hand nehmen.

Wir haben bereits 2010 in Berlin einen Vortrag über Qualzucht und die Forderung für eine Wende in der Hundezucht an der Seite von Christoph Jung bei der Novellierung des Tierschutzgesetzes gehalten.

Ich möchte ganz einfach vorstellen, wie wir und auch andere engagierte Züchter außerhalb unseres Vereins diese Themen mit Erfolg angegangen sind.

Erste Maßnahme war die Trennung vom Dachverband. Wir arbeiten autark und können so jederzeit auf neueste züchterische und wissenschaftliche Erkenntnisse reagieren.

 

Ausschluß einer Ausstellungpflicht! 

Die Bewertung eines Hundes von außen ist für die Zuchtauswahl mehr als hinderlich. Beurteilung der Hunde durch Dritte nach fraglichen Moden war noch nie förderlich im Sinne des Tierschutzes und für den Erhalt einer Rasse. Ein operierter oder schmerzhafter und nach Sauerstoff ringender Weltsieger ist der Gesundheit nicht dienlich.

Stattdessen führten wir 2014 die CT-Pflicht für die Rasse ein, Bewertung der Strukturen der Atemwege und Wirbelsäule / Wirbelkanals durch einen Fachtierarzt, Begutachtung durch einen valuierten Gutachter der GRSK.

Hier im Bild ein Rüde, welcher seinerzeit nach Röntgenuntersuchung der Wirbelsäule zuchttauglich bewertet wurde. Das spätere CT zeigte schwere Missbildungen der Wirbelkörper, die man von außen bzw. durch 2D-Diagnostik nicht sehen konnte. Wochen später wurden diese per Hemilaminektomie von Th4 - Th8 entschärft, er ist nun muntere 11,5 Jahre alt. 

Diese Gene des Ausstellungschampions haben wir aber selbstverständlich nicht weiter verwendet. Dies war eine bittere Erkenntnis, dass man Gesundheit nicht von außen anhand eines tadellosen Gangwerks und auch nicht mit einfacher 2D-Diagnostik erkennen kann. 

 

Selektion nach Funktion! 

Erstes und wichtigstes Merkmal ist hier die natürliche Verpaarung und die komplikationsfreie Naturgeburt, ein herrliches Instrument um Fitness und Kondition zu erkennen.

Welch Intelligenz der Evolution hier der Degeneration einfach ein Ende setzen zu wollen. Wir respektieren das. Unsere Kaiserschnittrate liegt bei ca. 10 % und dies werden wir noch verbessern. Unsere durchschnittliche Wurfgröße liegt bei 6 Welpen, Welpensterblichkeit bis zur achten Lebenswoche bei ca. 8 %. Dies ist für eine „Qualzuchtrasse“ ein guter Durchschnitt und sicher noch ausbaufähig.

Unsere Bullys können wie jede normale Hunderasse einen durchschnittlichen Wurf in flotten 2 h gebären. Die Hunde verpaaren sich frei, dies wird anhand der Hochzeitsfotos belegt, es gab bis jetzt nicht eine künstliche Befruchtung bei uns. 

 

Öffnung der Zuchtbücher.

Wir akzeptieren Hunde ohne Pedigree und Abstammungsnachweis.

Diese Tiere müssen natürlich auch durch unsere Zuchtuntersuchungen: Herzultraschall, Patellauntersuchung, Augenuntersuchung, CT der Atemwege und der Wirbelsäule, HD, ED und Zahnstatus sowie diverse DNA Tests auf Merkmale und Erbkrankheiten, u.a. bei Embark.

Zucht auf Merle und Blau ist nicht gestattet. So vermeiden wir das Restrisiko von möglichen Erbfehlern durch farbliche Gendefekte. Wir möchten auch gerne die soliden Standardfarben brindle, fawn und pied erhalten, die doch deutlich durch die Farbzucht der Moden verdrängt werden. Es gibt mittlerweile kaum mehr gesunde dilutionsfreie Zuchttiere. 

Wir achten darauf, den genomischen Inzuchtwert so niedrig wie möglich zu halten. Embark bietet ein großartiges Werkzeug an, dort kann man Probeverpaarungen getesteter Hunde anlegen und so den zu erwartenden COI der Welpen berechnen. Ebenfalls ein nettes Argument, um den Gegnern von Registerhunden den Wind aus den Segeln zu nehmen!

Hier die Wirbelsäule einer Hündin ohne Ahnentafel.

Es wäre töricht, solche Befunde mangels Abstammungsnachweis auszuschließen..

Desweiteren genehmigen wir nach Absprache mit Fachärzten und Genetikern Einkreuzungsprojekte. 

Es gibt erfolgreiche Verpaarungen mit Retromops und Boston Terrier. Obwohl man innerhalb der brachyzephalen Rasse bleibt, überzeugen die Nachzuchten mit deutlich besseren Skeletten, sehr gut ausgebildeteten Nasen, längerem Fang und Rute. Die Welpen sind lediglich nur noch Chondroträger, stehen aber im Phänotyp nicht sehr weit von der Französischen Bulldogge entfernt, so dass hier schnell wieder auf Phänotyp Reinfranzose zurückgezüchtet werden kann, mit der unglaublichen Bereicherung, dass man den chondrodystrophen Defekt in wenigen Generationen herauszüchtet. Ergebnis werden deutlich gesündere Wirbelsäulen ohne die rassetypisch zu frühen Verkalkungen der Bandscheiben sein. Diese Nachkommen überzeugen durch eine enorme Vitalität, Robustheit und Wesensfestigkeit. 

 

Rassestandard

Wir züchten in Anlehnung an den Rassestandard, Ziele sind sowohl hoffentlich glückliche Welpenkäufer, als auch kleine Begleithunde, die ihren Bedürfnissen als Canide wieder nachkommen können. Keine Behinderung von Qualzuchtmerkmalen nach § 11 b, die Hunde müssen frei verpaart werden und müssen frei gebären können. Der Körper muss so geschaffen sein, dass sie sich selber putzen können. Die Statik eines Lauftiers muss gegeben sein. Die Selektion auf mehr Nase, flacheren Schädel, längere Rücken mit kleiner Wedelrute funktioniert sehr schnell. Die Natur ist schlau und holt sich dies wieder sehr gerne zurück. Wir haben in den Nachzuchten wieder erste Scherengebisse!

 

In der nächsten Darstellung sieht man deutlich die schnellen Veränderungen durch Selektion in Generationen, ohne dass man gesunde kurznasige Vertreter der Rasse ausschließt, wie das in Holland durch das eingeführte Ampelsystem nun der Fall ist. Dies ist ein fataler Irrtum für den Bestand der genetischen Diversität und vernichtet unwiderruflich wertvolle Merkmale der durchgefallenen Zuchthunde abseits der angestrebten Länge des Fangs!


Die Gesundheit und Unversehrtheit eines Tieres muss an erster Stelle stehen. Auch wenn der allseits geachtete Rassestandard hierfür etwas aufgeweicht werden muss.

In der nächsten Darstellung sehen wir schon eine deutliche Veränderung vom gestauchten, fast nasenlosen Schädel zu einem weniger extremen kurzköpfigen Hund. Der linke Rüde war aufgrund einer Late-OP im CT. Durch ihn erkannten wir die Chance einer gründlichen Befundung der Bullys vor Zuchteinsatz und unsere Begeisterung für die 3D-Diagnostik war geweckt. Spocky war die Inspiration für die Arbeit und Beginn der Aufklärung mit der traurigen Erkenntnis, dass solche Hunde einfach nie wieder gezüchtet werden dürfen, egal wie smart und lieblich das kleine Kerlchen auch war!

Daneben ein Nachzuchtrüde aus untersuchten Elterntieren mit moderaten Befunden und ohne Funktionseinschränkung der Atemwege in CT-Darstellung und Natura.

Alleine das Problem der Keilwirbelbildung wird sich ohne Einkreuzung über Generationen nicht beheben lassen. Doch sind diese so weit zurück gezüchtet, dass unsere Hunde keine klinischen Auffälligkeiten zeigen. Einige sind keilwirbelfrei, andere haben noch kleine Veränderungen im Brustwirbelbereich.

Wir sind ein kleiner Verein, haben um die 60 Mitglieder und um die 10 aktiven Züchter im deutschsprachigen Raum. Wir sammeln fleißig Daten und Material unserer Hunde. Der gute Zuchthund wird bei uns erst mit Hilfe der wichtigen Nachzuchtuntersuchungen entlarvt.

Ist der scheinbar gute Vererber ein Verderber? Das findet man doch erst raus, wenn geschlossene Populationen untersucht sind!

Wir haben auch schon Hunde und ganze Würfe für die Zucht gesperrt, wenn trotz sorgfältiger Diagnostik schwere Erbfehler ans Tagslicht rutschten. Learning by Burning!

Sollte ein gutes Projekt Daten in Form von Röntgenbildern, CT ́s, Speichelproben etc. benötigen, darf man uns gerne empfehlen und ansprechen.

Wir denken, dass der kleine Bully-Begleiter prima in unsere Welt passt und ein Recht hat, einen Körper zu bekommen, in dem er sich wieder wohlfühlen kann. Es ist möglich. Und gar nicht so schwer.

Die nötige Diskussion über Qualzucht und ihre Folgen muss auch einmal mögliche Lösungen aufzeigen. Es gibt mittlerweile gute Ergebnisse mit entsprechenden Netzwerken und wirklich fröhliche Kurznasen, die beschwerdefrei als Begleithunde alt werden.

Ein nicht unerheblicher Teil des Klientels rund um die Brachyzephalen besitzt ein gestörtes Verhältnis zur Natur des Hundes und bevorzugt scheinbar einen Pflegling! Dies lässt sich durch unzählige Beiträge in den sozialen Netzwerken und Medien belegen, wenn diese verzüchteten Kreaturen in unnatürlichster Art kostümiert vorgeführt werden. 

Es ist unbedingt nötig, die Menschen für die Grundbedürfnisse des Lauf- und Raubtiers Hund zu sensibilisieren.

Die Qualzuchtdebatte ist zum Schutze der Hunde richtig und wichtig, nur darf das Bully-Bashing nicht verallgemeinert werden. Falls es zu gesetzlichen Maßnahmen kommt, würde ich mir wünschen, dass es für die halbwegs gescheiten Züchter noch Möglichkeiten gibt, weiterhin gesündere Brachys zu züchten.

Wir sehen der Entwicklung voller Spannung entgegen und hoffen auf Erkenntnis und Vernunft von Vereinen, Züchtern und Welpenkäufern, die mit ihren Entscheidungen maßgeblich die Entwicklung mit beeinflussen.

Gesunde Bulldoggen e.V. Dezember 2019