Wir werden immer wieder mit den fadenscheinigen Argumenten der Züchter konfrontiert, dass der Erbgang der Keilwirbel nicht genau feststeht. Dass Keilwirbel erblich sind ist Fakt! Ebenfalls benutzt man gerne das Argument, dass aus guten Wirbelsäulen auch schlechte entstehen können, und umgekehrt, hier vergleicht man gerne die Keilwirbelproblematik mit der HD. Und diese weit hergeholten und wissenschaftlich nicht belegbaren Argumente werden dann gerne als Alibi für die Verpaarung mit stark deformierten Wirbelsäulen genutzt. In einigen Kreisen zählt man bloß die Keilwirbel und ignoriert andere Missbildungen, andere graduieren die Wirbelsäulen lediglich, ignorieren aber den tatsächlichen Krankheitswert und verpaaren munter nach Gefühl und ohne große Sachkenntnis.

 

Hier Bilder von Nachzuchtuntersuchungen mit erfreulichen Ergebnissen, die zeigen, dass ein gewissenhaft gezüchteter Bully auch von innen durchaus wie ein normaler Hund aussehen kann!

 

 

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Eine gesunde Rückenlänge kann die Gefahr der Missbildungen der Wirbelkörper deutlich herabsetzen.  Hier sind die Unterschiede anhand von zwei gleichaltrigen Junghunden gut zu erkennen.

 

 

Veränderung von Wirbelkörpern:
Der lateinische Ausdruck Hemivertebrae ist korrekt mit dem Begriff Halbwirbel übersetzt.
Aus wissenschaftlicher Sichtweise sind Keilwirbel deutliche Deformationen der Wirbelkörper, die tatsächlich keilförmig ausgeprägt sind. Deformationen, wie einseitige Abflachung der Wirbelkörper, die dennoch einen Stabilisitätsverlust der Wirbelsäule bedeuten und Folgeverformungen benachbarter Wirbel verursachen können, werden daher, je nach Gutachter oder Tierarzt oftmals als "keilwirbelfrei" bewertet.



Keilwirbel Th 8 mit Folgeverformung des Nachbarwirbels Th 9

Angesichts der durchaus berechtigten, aber sehr mühsamen und gerne einseitig argumentierten Qualzuchtdiskussion ist es wichtig, auch mal erfreulichere Röntgenbilder zeigen zu können.

Vielversprechendes Röntgenbild eines 11 Wochen alten Bullys

 

Es folgen Röntgenbilder von moderaten Bully-Wirbelsäulen, die den Hund wohl nicht beeinträchtigen werden. Wir sehen die leider noch rassetypischen Veränderungen in Form von Keilwirbelbildung, aber auch die mögliche Verbesserung durch Zuchtmanagement und die leider viel zu selten dargestellten gut ausgeprägten Wirbel in der Rute. Man muss aber auch deutlich daran erinnern, dass jeder Hund jeder Rasse Veränderungen der Wirbelsäule aufzeigt. Die perfekte Wirbelsäule gibt es nicht.

 

Lieber Welpenkäufer, vergleichen Sie die folgenden Bilder mit den Auswertungen der Elterntiere ihres Wunschbullys! Eine Zuchttauglichkeitsprüfung alleine garantiert keine stabile Wirbelsäule!

 

Uns liegen etliche Röntgenbilder von mittel- bis hochgradig deformierten Wirbelsäulen vor, die mit dem zweifelhaften Titel "KEILWIRBELFREI" geadelt wurden und natürlich die Zucht der Bullys mit absehbaren schmerzhaften Folgen für die geborenen Tiere bereichern. Daher möchten wir für alle, die die mögliche Normalität der Wirbelsäule verdrängen noch einmal akzeptable Wirbelsäulen mit geringradigen Veränderungen zeigen und dringend darauf hinweisen, dass dies bei vernünftiger Diagnostik und Verpaarung auch bei dieser stark belasteten Rasse möglich ist. Freund Hund wird ihnen ein Leben lang dankbar sein!

Mutter, FCI Deutschland:

 

Kind 1:

Kind 2:

 

Bilder von nicht so glücklichen Bullykindern mit deutlicher Keilwirbelproblematik finden Sie in unseren Rubriken Röntgen  und Anatomie.

 

Für den direkten Vergleich zu den gezeigten stabilen Wirbelsäulen, hier eine kurze Hündin aus der FCI Holland mit Keilwirbelbildung, Deformationen im Übergang Brust-/Lendenwirbelsäule, Fragmenten und Zubildungen unterhalb der Wirbel, Verkürzung der Wirbel, zusammen gewachsene Dornfortsätze (Kissing Spines) uvm. Auffällig ist ebenfalls der beinahe quadratisch gezüchtete Brustkorb, der sich über Generationen, wie die gestauchte und verkürzte Wirbelsäule, der falschen Selektion angepasst hat. Diese Hündin kann aufgrund organischer Beschwerden nicht operiert werden und muss ihre immer wieder anfallenden Schmerzschübe mit angepasster Medikation und Ruhe überbrücken. Diese Hündin wurde 2-jährig nach ihrem ersten Kaiserschnitt und "Welpenernte" verkauft. Und das ganz offiziell nicht über windige Vermehrerquellen, sondern in der FCI mit uneingeschränkten Papieren für Hündin und Nachzucht!

 

 

Rüde ohne Abstammungsnachweis, ebenfalls mit stabiler Wirbelsäule und geringen Veränderungen

 

Vielen Dank an die Bullyfreunde, die uns die Bilder zur Verfügung stellen!

Dr. Kai Rentmeister erklärt die Keilwirbelproblematik

Einleitung, Ursachen:

Keilwirbel gehören zu den angeborenen Mißbildungen der Wirbelsäule, entstehen also nicht durch falsche oder übermäßige Bewegung beim (Jung-)Hund. Neben anderen vererbten Mißbildungen wie Blockwirbel, Schmetterlingswirbel und Übergangswirbel sind sie die häufigste Form der mangelhaften Wirbelkörperausbildung beim Hund.

Es wird diskutiert, daß sich Keilwirbel aufgrund einer genetisch bedingten mangelhaften Entwicklung oder mangelhaften Durchblutung der Verknöcherungskerne einzelner Wirbelkörpervorstufen („Somiten“) während der Embryogenese (= fetale Entwicklung) ausbilden.

Betroffene Rassen:

Regelmäßig betroffen sind vor allem Hunderassen mit korkenzieherähnlichem Schwanz (sog. „screw-tailed breeds“), wobei der deformierte Schwanz selbst aus Keilwirbeln (und anderen Wirbelmissbildungen besteht). Folgende Rassen haben sehr häufig Keilwirbel:

  • Mops
  • Englische Bulldogge
  • Französische Bulldogge
  • Pekingese
  • Boston Terrier

In einzelnen Fallberichten sind Keilwirbel auch bei anderen Hunderassen beschrieben worden (z.B. Rottweiler, Westhighland White Terrier, Foxterrier, Yorkshire Terrier, Beagle, Deutsch-Kurzhaar).
Häufigkeit:
Keilwirbel können einzeln oder mehrfach auftreten, wobei häufig mehrere Keilwirbel direkt nebeneinander zu finden sind. Klassischerweise finden sich Keilwirbel in der mittleren (Th7-9) und etwas seltener in der hinteren Brustwirbelsäule (Th10-13). Es liegen allerdings keine umfangreichen Studien über die prozentuale Häufigkeit bei einzelnen Rassen vor.

Anmerkung: die Abkürzung „Th“ bedeutet Thorakalwirbel (= Brustwirbel), ein gesunder Hund hat 13 Brustwirbel.

Symptome:

Während die meisten Patienten mit Keilwirbeln keine klinischen Symptome zeigen, entwickeln - zumindest im Vergleich zu anderen Wirbelkörpermissbildungen - überdurchschnittliche viele Hund mit Keilwirbeln neurologische Ausfälle.

Diese sind charakterisiert durch Schmerzen, progressive Gehstörungen der Hinterhand mit Ataxie (schwankender Gang) und Lähmungserscheinungen, im fortgeschrittenen Krankheitsstadium auch mit Lähmungen von Blase und Enddarm (Inkontinenz). Die neurologischen Ausfälle werden typischerweise in einem Alter von ca. 6 Monaten bis eineinhalb Jahren beobachtet und verschlechtern sich in der Regel langsam progressiv über mehrere Monate.

Ursachen für die neurologischen Ausfälle sind:

  • fortschreitende Wirbelsäulenfehlstellung (Abknickung) wie Kyphose (Buckel nach oben, siehe Bild 1), seltener auch Lordose (Eindellung der Wirbelsäule) oder Skoliose (Krümmung der Wirbelsäule zur Seite)
  • primäre Einengung des Wirbelkanals durch die fortschreitende Wirbelsäulenfehlstellung mit Rückenmarkskompression
  • sekundäre Einengung des Wirbelkanals durch Instabilität im Bereich der Keilwirbel. Der Körper versucht diese Instabilität auszugleichen, was zu einer Verdickung der Bandstrukturen der Wirbelsäule und im Wirbelkanal führt, ebenso zu einer Verdickung der kleinen Wirbelgelenke. Diese Verdickungen führen zu einer fortschreitenden Einengung des Wirbelkanals mit Kompression des Rückenmarks. Bei chronischen Patienten hat das Rückenmark oft nur noch 50% des normalen Durchmessers.
  • Selten: Luxation (Verschiebung, „Auskugelung“) zwischen 2 Keilwirbeln durch ein plötzliches Trauma (Sprung, Sturz).
  • Wichtig: die Wirbelkörperendplatten und Bandscheiben sind in der Regel normal ausgebildet, teilweise aber auch degeneriert (neuere Veröffentlichung mit Kernspintomographie an drei betroffenen Hunden). Lähmungserscheinungen bei Patienten mit Keilwirbeln durch Bandscheibenvorfälle sind extrem selten!

Diagnose:

Keilwirbel können durch Röntgenaufnahmen in Seiten- und Rückenlage einfach festgestellt werden. In der Regel ist keine Narkose oder Sedation für die Durchführung der Röntgenaufnahmen nötig. Bei Patienten mit neurologischen Störungen müssen allerdings weiterführende Untersuchungen in Vollnarkose vorgenommen werden wie Myelographie (Röntgenkontrastdarstellung des Rückenmarks), Computertomographie oder Kernspintomographie. Diese Untersuchungen sind nötig, um die Schwere, Art (Instabilität oder nicht?) und Stelle (Lokalisation) der Rückenmarksschädigung festzustellen.

Wichtig: zeigen Patienten Lähmungserscheinungen, sollten diese sobald wie möglich ausführlich und gründlich untersucht werden. Je länger die Lähmung besteht, desto schlechter sind die Chancen auf eine Heilung.

Therapie:

Die Behandlung ist abhängig von den Ergebnissen der diagnostischen Untersuchungen. Patienten mit nur leichtgradigen neurologischen Defiziten können nur im Anfangsstadium (!) konservativ, d.h. mit Medikamenten behandelt werden. Zeigt sich keine Besserung oder verschlechtern sich die Lähmungserscheinungen, so ist bald eine Operation notwendig.

Der Art des chirurgischen Eingriffes ist abhängig von der Ursache der Rückenmarkskompression (statisch oder dynamisch).

  • Bei statischen Rückenmarkskompressionen (d.h. mit stabiler Wirbelsäule), kann eine Entlastung des Rückenmarks durch die begrenzte Öffnung des Wirbelkanals erfolgreic sein. Hierzu wird ein Teil des Wirbelkörperdaches entfernt um dem Rückenmark Platz zu schaffen.
  • Bei dynamischen Läsionen (mit Instabilität) muß die Wirbelsäule mit Schrauben stabilisiert werden, was im Bereich der Brustwirbelsäule einen sehr aufwendigen chirurgischen Eingriff darstellt.

Prognose:

Die Prognose ist abhängig von der Dauer und der Schwere der Symptome.
Generell gilt: je länger die Symptome bestehen und je schwerer die Lähmungserscheinungen sind, desto schlechter sind die Erfolgsaussichten.

Prophylaxe (Vorbeugung):

Im Sinne der Rassegesundheit und aus Tierschutzgründen (Verhindern von Leid und Schmerzen beim Einzeltier) wäre eine Zuchthygiene wünschenswert. Hierzu sollten bei Zuchttieren rechtzeitig Röntgenuntersuchungen vorgenommen werden, um Patienten mit Keilwirbel zu identifizieren und gegebenenfalls aus der Zucht auszuschließen.

Nur diese Maßnahme kann dauerhaft verhindern, daß bestimmte Rassen von einer Krankheit „überrollt“ werden und einen schlechten Ruf bekommen. Züchter und Zuchtverbände sind gefordert zum Wohle und zum Fortbestand ihrer Rassen zu handeln.

 

Wir danken dem Verfasser :

Dr. Kai Rentmeister
Tierarzt, DiplECVN
Mainfrankenpark 16b
97337 Dettelbach
09302 – 93 22 10 (Tel)
09302 – 93 22 15 (Fax)

www.tierneurologie.de

Klicken Sie bitte diesen Link an, um die umfangreiche Begutachtung von über 100 Französischen Bulldoggen durch Susanne Meyer zu lesen.

Vorkommen und Erblichkeit von Keilwirbeln bei Hunden von Prof. Distl / Dr. Schlensker

Prevalence, grading an genetics of hemivertebrae by Prof. Distl / Dr. Schlensker

Hemivertebrae by Jan Grebe

Veröffentlichung der ÉCOLE NATIONALE VÉTÉRINAIRE D’ALFORT

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